MGV Einigkeit 1903 Ockenheim e.V.
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1953 - Das 50. Stiftungsfest

Bei der Godesberger Fahnenfabrik wurde zum Preis von 1200 DM eine neue Vereinsfahne bestellt, die auch dieses Mal wieder durch Spenden der Vereinsmitglieder finanziert werden konnte.

Das im Juni 1953 gefeierte 50-jährige Bestehen nahm mit der feierlichen Fahnenweihe durch Pfarrer Krämer, dem Festkommers, einem imposanten Festzug durch die Ortsstraßen und dem Pokal­-Wertungs-singen unter Beteiligung zahlreicher Gastvereine einen harmonischen Verlauf.

Der Festkommers bot die Gelegenheit, eine größere Anzahl treuer Sänger von Vereinsseite und Sängerbund zu ehren. Die beiden noch lebenden Gründer Wilhelm Werner und Jakob Müller sowie der seit der MGV „Einigkeit“ 1903 bei seinem 50jährigen Jubiläum 1903 aktive Sänger Philipp Brück wurden zu Ehrenmitgliedern, der seit 1919 amtierende Dirigent Vincenz Helmerich zum Ehrenchorleiter ernannt, Letzterer außerdem vom DSB mit der neu geschaffenen Silbernen Ehrennadel für 25-jährige Chorleitertätigkeit ausgezeichnet.

Doch ehe es soweit war, galt es, einige Schrecksekunden zu überwinden, deren Ursachen, heute weitgehend vergessen, als Episoden jedoch erwähnt werden sollen, weil sie den Alltag eines Vereinslebens charakterisieren:
Als der Vorstand das von dem stets auf Sparsamkeit bedachten Kassierer georderte Zelt auf einem Sängerfest in der Nachbarschaft besichtigen wollte, da war man begeistert: ein Top-Zelt! Doch dann kam die kalte Dusche: Es war das falsche Zelt, denn das von ihm für uns bestellte Zelt durfte gar nicht aufgestellt werden, es war baupolizeilich wegen mangelnder Stabilität verworfen worden. Was nun? Guter Rat war teuer, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn jetzt, in Zeitnot, die Zeltverleiher ausgebucht, blieb als einzige Chance nur noch das Angebot einer teuren Zelthalle, wie sie sich ein kleiner Gesangverein eigentlich gar nicht leisten konnte. Doch es wurde ein Glücksgriff, denn gegenüber den oft muffigen niedrigen Sängerfestzelten gab es dem Fest einen viel gelobten Rahmen und trug wesentlich zum guten Gelingen bei. Zu allem Überfluss wurde der vom Verein verpflichtete Preisrichter kurz vor dem Fest krank, der von ihm benannte Vertreter meldete sich freitags vor dem Fest ebenfalls krank, erst beim Festkommers am Samstagabend wurde das erlösende Telegramm ins Festzelt gebracht: „Preisrichter Musikdirektor Keller aus Wuppertal trifft um Mitternacht mit dem Zug in Bingen ein, bitte am Bahnhof abholen.“

Doch damit nicht genug: Die für das Wertungssingen bestellten Pokale sollten eigentlich drei Tage vor dem Fest im Schaufenster der Bäckerei Mährle ausgestellt werden. Doch sie waren nicht eingetroffen, obwohl sie von der Lieferfirma längst abgeschickt worden waren. Sie waren verschwunden. In der Not machte sich unser Mitglied Karl Merz am Festsamstag mit dem Auto auf den Weg nach Pforzheim, um Ersatzpokale zu holen – jedoch ungraviert! Am Sonntagmorgen hatten wir sie dann allerdings plötzlich in doppelter Ausfertigung! Gerade, als der Trompeter um 6 Uhr in den Ortsstraßen seinen festlichen Weckruf blies, waren die verschollenen Pokale vom Postamt Bingen zugestellt worden. Sie hatten tagelang auf dem Postamt Bingen bei Sigmaringen gelegen, wo keiner etwas mit ihnen anzufangen wusste.

Was sich hier so leicht liest, waren für den Festausschuss traumatische Ereignisse, man stelle sich vor: Ein Sängerfest und kein Zelt, ein Wertungssingen und kein Preisrichter, Preisverteilung und keine Preise! Das Fest war gerettet. Es verleitet zu einem Gedankenspiel: Wie wäre das wohl in heutiger Zeit ausgegangen? Etwa so: Bei der Lieferfirma hätte sich samstags nur der Anrufbeantworter gemeldet, aber keine Ersatzpokale ausgeliefert, und bei der Post – Sonntagszustellung, noch dazu um 6 Uhr früh? War sie vielleicht doch besser, „die gute alte Zeit?“ Mit einer Schiffstour nach Boppard, als Dankeschön der Vereinsführung an alle Mitglieder und Helfer, an der sich 130 Personen beteiligten, fand das Jubiläum seinen Abschluss.

Es war ein Höhepunkt der Vereinsgeschichte mit einer nie mehr erreichten Chorstärke von über 70 Sängern. Es war zugleich aber auch ein Wendepunkt. Nach dem Fest erlahmte der Eifer, und als sich eine Reihe „Altgedienter“ aus dem aktiven Chor in den Ruhestand verabschiedete, kam es zu einem bedauerlichen Abschwung, in dessen Sog auch der Chorleiter Vincenz Helmerich nach 36 Jahren fruchtbringender Tätigkeit im Jahr 1955 den Taktstock aus der Hand legte.